Artikel „Tanzmedizin 2005“
Dr.Gobert Skrbensky
Facharzt für Orthopädie und orthopädische Chirurgie,
Facharzt für Unfallchirurgie,
Facharzt für Sportorthopädie
en déhors 2/3
Der wesentliche Faktor der Außendrehfähigkeit des Beines ist der Winkel zwischen dem sog. Oberschenkelhals, also der Verbindung zwischen Hüftgelenk und Oberschenkelknochen. Dieser Winkel kann nach der Geburt etwa 50 Grad betragen und nimmt sukzessive im Laufe der Entwicklung ab, sodass bei der normalen Bevölkerung ein D() Durchschnittswert von 12 Grad erreicht wird. Je geringer dieser Winkel () ist, desto besser können das Bein und die Hüfte nach außen gedreht werden, sodass dieser Winkel bei der Aufnahmeuntersuchung bestimmt werden muss. Positiv ist, dass dieser sog. Antetorsionswinkel im Laufe der ersten zwanzig Lebensjahre sich etwa halbiert, sodass auch bei einer gewissen Dreheinschränkung im Vorschulalter mit einer ausreichenden Drehfähigkeit am Ende der Ausbildung gerechnet werden kann.
Vorsicht bei der Ausbildung ist vor allem während der verstärkten Wachstumsphasen zwischen sechs und acht sowie zwischen 12 und 16 Jahren geboten: In dieser Zeit sind die Wachstumsfugen des Oberschenkelhalses besonders weich und anfällig für eine sog. Wachstumsfugenlösung (Epiphysiolysis), die, wenn sie auftritt, akut operiert und fixiert werden muss, wobei auch die Gegenseite stabilisiert wird. Obwohl hier vorübergehend eine schmerzhafte„Verbesserung“ der Außendrehung erreicht wird, führt eine Nichtbehandlung dieser Fugenlösung zu einer Entrundung des Hüftkopfes und damit zu einer Gelenksabnützung (Coxarthrose) schon im Jugendalter. Bei Überlastung des Hüftkopfes kann ebenso eine lokale Durchblutungsstörung eintreten, die ebenso zu einer Entrundung und Zerstörung des Hüftgelenkes führen kann. Es ist daher aus medizinischer Sicht auf jeden Fall zu überlegen, ob bei geringer Hüftdrehbarkeit nicht eine Tanzausbildung für Musical oder Modern Dance () angestrebt werden kann, die genauso die Möglichkeiten des Ausdruckes und der von Wolinski geforderten „Öffnung des Körpers nach außen“ ermöglicht, wenngleich die Hüftstellung hier nicht im Vordergrund steht. Zur Dehnung der Hüftkapsel () und der Hüftbänder muss bedacht werden, dass jede Trainingseinheit ähnlich wie eine physikalische Therapie aufgebaut werden sollte und – wie schon im Artikel „Orthopädisches Tanztraining“ beschrieben – eine aufbauende und eine absteigende Kurve der Dehnungsbelastung beinhalten sollte (). Genauso wichtig wie das „Cooling down“ am Ende der Trainingsphase ist das Aufwärmen am Anfang.
Da wir ja wissen, dass Verletzungen in erster Linie am Ende der Trainingsphase eintreten, sollte diese Zeit nicht für die schwierigsten Übungen verwendet werden, da sich sonst die Verletzungshäufigkeit erhöht.
Die Bewegung des Körpers kann mit einer Kette verglichen werden, wobei bei Fixierung eines Gliedes dieser Kette () die Bewegung vermehrt in den angrenzenden Elementen stattfinden muss. Aus diesem Grund ist es umso wichtiger, die Bewegung homogen auf die einzelnen Gelenksabschnitte aufzuteilen. Bei ausreichender Spannung kann so die Kraft vom Kopf bis auf den Boden übertragen werden, ähnlich wie bei einer Fahrradbremse, die am Hebel bedient wird und die Bremsbacken die Bremskraft auf den Reifen übertragen, weil das elastische Kabel in seiner umgebenden Führung (Bowden-Zug) geführt wird.