Orthopädisches Tanztraining
Für alle, die sich mit Bewegung beschäftigen, sei es aus orthopädischer, rein physiologischer oder aus künstlerischer Sicht, bietet der Tanz eine besondere Faszination: Das Verlassen des Bodens der Realität, wie es durch den Tanz auf der Fußspitze, perfektioniert durch Marie Taglionis, ermöglicht wurde und wie es Mircea Eliadey in „Der magische Flug“ beschreibt: „Die Sehnsucht, die Fesseln, die uns an die Erde ketten, zu brechen [...] das Streben der menschlichen Natur nach oben [...]“, erfordert perfekt Balance.
Seit Dominico da Piacenza die frühen Traktate des Tanzes im Italein der Renaissance formulierte, ist der Tanz ein Wechselspiel der Kräfte, vor allem der Schwerkraft:
Diese Schwerkraft gilt es, durch die Spannung des Körpers, durch Agonist und Antagonist im muskulären Gleichgewicht zu halten und im Sprung zu überwinden. Aber nicht nur nach oben bewegt sich der Tanz, auch durch das im 17. Jh. eingeführte „en dehors“ wird, wie von A. Wolynski gefordert, der Körper nach außen geöffnet und somit werden „sämtliche Antlitze des Körpers“ nach außen präsentiert. Auch wenn der moderne Tanz die Gesetzmäßigkeiten der klassischen Traktate zum Teil abgelöst oder ergänzt hat, so bleibt doch das Wechselspiel der Kräfte präsent. Um hier die Balance auf der einen Seite und die Sprungkraft auf der anderen Seite zu gewährleisten, ist die kontrollierte Bewegung der Gelenke essenziell. Nicht nur das Ausmaß der Beweglichkeit ist für die einzelnen Figuren erforderlich, auch die Ausdauer der Muskelaktivität.
Dies beschreibt zwei wesentliche Faktoren aus medizinischer Sicht: die Gelenksbeweglichkeit und die damit erforderliche Dehnung der Band- und Sehnenstrukturen und die Ausdauerfähigkeit der Muskulatur, um gleichbleibende Stabilität im Rahmen des Trainings oder der Aufführung zu gewährleisten, ohne die schnell reagierenden Muskelfasern außer Acht zu lassen. Wesentlich ist das Zusammenspiel verschiedener Aspekte: Neben dem tanzpädagogischen Lehrplan kann die Sportmedizin hier schon im Vorfeld spezifische Aspekte ansprechen und wie sich in mehreren Reihenuntersuchungen zeigte Probleme verhindern sowie deren Auswirkungen behandeln.
Bei der Analyse von Verletzungsmustern zeigt sich immer wieder eine starke Präferenz der Wirbelsäule und der unteren Extremität einschließlich der Beckenregion.
Durch das gemeinsame Erarbeiten von Trainingsprogrammen kann das Erlernen neuer Figuren und Bewegungsmuster optimiert werden: wie bei jedem Hochleistungssport beginnt das Training mit einer Konditionierung der Muskulatur auf die bevorstehende Aufgabe. Man weiß heute, dass auch die psychische Einstimmung auf die Bewegung durch einen neurovaskulären Reflex eine bessere Durchblutung der Muskulatur ermöglicht und so zum Aufwärmen beiträgt. Zum Aufwärmen gehört auch als Voraussetzung der Erhalt der Gelenksbeweglichkeit – das Stretching: Wesentlich ist, dass zunächst mit einem statischen Dehnen begonnen wird, das dann in eine dynamische Form übergeht, aber noch passiv bleibt. Erst in der zweiten Phase wird eine aktive dynamische Dehnung mit einer ballistischen Unterstützung intermittierend, rhythmisch begonnen. Allerdings sollte man nicht vergessen, dass am Ende der Trainingseinheit wieder eine statische Dehnung erfolgen sollte – so wie jede Trainingseinheit auch mit bekannten, weniger fordernden Übungen, dem sog. „cooling down“ abgeschlossen werden sollte.
Die beste Konzentrationsfähigkeit zum Erlernen neuer Figuren ist im dritten Viertel der Trainingseinheit gegeben: Wesentlich ist, dass die Stunde so eingeteilt wird, dass nicht die schwierigsten Figuren an das Ende der Stunde verlagert werden, da gegen Ende gehäuft zu Verletzungen kommt, sei es durch mangelnde Ausdauer und daher geringere Stabilisierung der Gelenke, sei es durch Abnahme der Konzentrationsfähigkeit.
Bild: Dynamische Fussdruckmessung beim Spitzentanz