Start         Artikel         Tanzmed 2010          Therapeuten         Partner

 

 

 

 

 

OA Dr. Gobert Skrbensky

Orthopädisches Tanztraining
Für alle, die sich mit Bewegung beschäftigen, sei es aus orthopä­discher, rein physiologi­scher oder aus künstlerischer Sicht, bietet der Tanz eine besondere Faszination: Das Verlassen des Bodens der Realität, wie es durch den Tanz auf der Fuß­spitze, per­fektioniert durch Marie Taglionis, ermöglicht wurde und wie es Mircea Eliadey in „Der magische Flug“ beschreibt: „Die Sehnsucht, die Fesseln, die uns an die Erde ketten, zu brechen [...] das Streben der menschlichen Natur nach oben [...]“, erfordert perfekt Balance.
Seit Dominico da Piacenza die frühen Traktate des Tanzes im Italein der Renais­sance formulierte, ist der Tanz ein Wechselspiel der Kräfte, vor allem der Schwerkraft:
Diese Schwerkraft gilt es, durch die Spannung des Körpers, durch Agonist und Antagonist im muskulären Gleichgewicht zu halten und im Sprung zu überwinden. Aber nicht nur nach oben bewegt sich der Tanz, auch durch das im 17. Jh. eingeführte „en dehors“ wird, wie von A. Wolynski gefordert, der Körper nach außen geöffnet und so­mit werden „sämtliche Antlitze des Körpers“ nach außen präsentiert. Auch wenn der moderne Tanz die Gesetzmäßigkeiten der klassischen Traktate zum Teil abgelöst oder ergänzt hat, so bleibt doch das Wechselspiel der Kräfte präsent. Um hier die Balance auf der einen Seite und die Sprungkraft auf der anderen Seite zu gewähr­leisten, ist die kontrollierte Bewegung der Gelenke essenziell. Nicht nur das Ausmaß der Beweglichkeit ist für die einzelnen Figuren erforderlich, auch die Ausdauer der Mus­kel­ak­ti­vität.
Dies beschreibt zwei wesentliche Faktoren aus medizinischer Sicht: die Gelenks­beweglich­keit und die damit erforderliche Dehnung der Band- und Sehnenstrukturen und die Aus­dauerfähigkeit der Muskulatur, um gleichbleibende Stabilität im Rahmen des Trainings oder der Aufführung zu gewährleisten, ohne die schnell reagierenden Muskelfasern außer Acht zu lassen. Wesentlich ist das Zusammenspiel verschiede­ner Aspekte: Neben dem tanzpädago­gischen Lehrplan kann die Sportmedizin hier schon im Vorfeld spezifische Aspekte ansprechen und wie sich in mehreren Reihenunter­suchungen zeigte Probleme verhindern sowie deren Auswirkungen behandeln.
Bei der Analyse von Verletzungsmustern zeigt sich immer wieder eine starke Prä­ferenz der Wirbelsäule und der unteren Extremität einschließlich der Beckenregion.
Durch das gemeinsame Erarbeiten von Trainingsprogrammen kann das Er­lernen neuer Figu­ren und Bewegungsmuster optimiert werden: wie bei je­dem Hochleis­tungssport beginnt das Training mit einer Kon­ditionierung der Muskulatur auf die bevorstehende Auf­gabe. Man weiß heute, dass auch die psychische Einstimmung auf die Bewegung durch einen neuro­vas­ku­lären Reflex eine bes­sere Durchblutung der Muskulatur ermöglicht und so zum Auf­wärmen bei­trägt. Zum Aufwär­men gehört auch als Voraus­setzung der Erhalt der Gelenks­beweglichkeit – das Stret­ching: Wesentlich ist, dass zu­nächst mit einem statischen Dehnen begonnen wird, das dann in eine dy­na­mische Form übergeht, aber noch passiv bleibt. Erst in der zweiten Phase wird eine aktive dyna­mische Dehnung mit einer ballistischen Unter­stützung intermittierend, rhyth­misch begonnen. Allerdings sollte man nicht vergessen, dass am Ende der Trai­ningseinheit wieder eine statische Deh­nung erfolgen sollte – so wie jede Trainings­einheit auch mit bekan­nten, weni­ger fordernden Übun­gen, dem sog. „cooling down“ abgeschlossen werden sollte.
Die beste Konzentrationsfähigkeit zum Erlernen neuer Figuren ist im dritten Viertel der Trai­ningseinheit gegeben: Wesentlich ist, dass die Stunde so eingeteilt wird, dass nicht die schwie­rigsten Figuren an das Ende der Stunde verlagert werden, da gegen Ende gehäuft zu Verletzungen kommt, sei es durch mangelnde Aus­dau­er und daher geringere Stabilisierung der Gelenke, sei es durch Abnahme der Konzen­trationsfähigkeit.
Bild: Dynamische Fussdruckmessung beim Spitzentanz

 

| Impressum | Kontakt | ©2010 Tanzmed.at